Interview mit einem Zeitzeugen

Am Freitag nach den Ferien hatten wir, die Schüler des Leistungskurses Französisch der Stufe 11 unter Leitung von Frau Mercker und Herrn Schleif, die Möglichkeit, an der französischen Schule „Lycée Victor Hugo“ einen Zeitzeugen eines gegen Kriegsende stattgefundenen Nazi-Massakers zu treffen. Da dieses Thema immer wieder zum Zentrum des Geschichtsunterrichts an der Ziehenschule gehört und speziell im nächsten Halbjahr wieder wichtig wird, war es eine ideale Gelegenheit, uns Schüler die Aspekte des Naziregimes nacherleben zu lassen. Nach einer relativ langen Fahrt mit der U-Bahn kamen wir an der Schule an, die uns direkt durch ihre Modernität und einen netten Empfang auffiel. Der Saal, in dem das Interview stattfand, war ebenso modern und obwohl der mittlerweile 89-jährige Zeitzeuge sehr leise sprach, konnten wir ihn sehr gut verstehen. Auch war das Ereignis ein gutes Training für unser Französisch, denn Robert Hébras stammt aus dem südlichen Frankreich und spricht kein Deutsch. Das Massaker, das Herr Hébras miterlebt hat, fand am 10. Juni 1944, also vier Tage nach dem „Débarquement“ der Alliierten in der Normandie, in dem Dorf Oradour-sur-Glane statt. Mitglieder der 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ töteten hier auf bestialische Weise 642 Dorfbewohner. Ihre typische Vorgehensweise hatte die Panzer-Division zuvor bei ihren Einsätzen an der Ostfront perfektioniert.

Robert Hébras wirkte auf den ersten Blick eher körperlich fit und hatte einen freundlichen Gesichtsausdruck, sodass wir uns wunderten, wie jemand, der einen Großteil seiner Familie verloren hat, einen so zufriedenen Eindruck machen kann. Aber auf Nachfragen hin erklärte er uns, er habe gelernt, den Deutschen und der Menschheit für die schlimmen Taten in der Zeit des Naziregimes zu verzeihen. Den Mördern seiner Schwestern und seiner Mutter könne er jedoch nicht verzeihen. Je mehr wir über die Umstände dieses Massakers durch unsere Fragen wissen wollten, desto verbitterter wurde Herr Hébras. Doch nicht nur das Ereignis vom Juni ´44 interessierte uns. Wir fragten ihn viel über seine Lebensumstände nach dem Massaker, über seinen Glauben an Gott und an die Menschen. Herr Hébras begegnete uns als gezeichneter aber nicht als verzweifelter Mann. Nach dem Tod einer der nur 6 Überlebenden vor dreißig Jahren beschloss er, das an den Bewohnern seines Dorfes verübte Kriegsverbrechen in das Bewusstsein der betroffenen Nationen, d.h. Frankreichs und Deutschlands, zu bringen. Das Interview, bei dem wir mitwirken durften, ist nur ein kleiner Teil des Verdienstes, den dieser Zeitzeuge zur Erinnerung, Aufklärung und Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland leistet und geleistet hat. Jeder von uns war über verschiedene Aspekte dieses Interviews nachdenklich geworden, aber wir stimmten alle in dem Punkt überein, dass wir ein Vorbild und einen besonderen Mann getroffen hatten, der uns viel mehr die Nazi-Zeit näher gebracht hatte, als es Lehrbücher können. Das Zeitzeugeninterview war nicht nur besonders, weil zwei verschiedene Generationen, Sprachen und Kulturen aufeinander getroffen sind. Es war auch besonders, weil Herr Hébras uns Schüler durch seine Schilderung und seine Person einen Teil der deutschen Geschichte, an die man sich erinnern muss, miterleben ließ. Wir machten die Erfahrung, dass die in der Schule gelernten Fakten durch eine solche direkte Begegnung besser nachvollziehbar sind.

Text: Jan Philipp Hahn (20.04.2015)

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