Fridays for Future

Interview mit Puran Treue

Seit Monaten demonstrieren Schüler auf der ganzen Welt für mehr Klimaschutz. Sarah Ertel hat im Rahmen der Schreibwerkstatt ein Interview mit Puran Treue geführt, die die Proteste in Frankfurt mit organisiert.

Welche Ziele werden durch die Fridays for Future Demonstrationen verfolgt und warum sollten die Schüler und Schülerinnen dabei mitmachen?

Puran: Es ging ja mit Greta Thunberg in Schweden los, die eigentlich mit dem Kohleausstieg angefangen hat, also ist die Grundidee Klimaschutz und Kohleausstieg. Für uns in Deutschland ist das auch ein interessantes Thema, weil Kohle von den Problemen, die wir haben, ein sehr großes ist. Kohleabbau gibt es noch in Deutschland, auch wenn man das immer gerne vergisst. Die Umweltbewegung in Deutschland hat vor ein paar Tagen ihre genauen Forderungen veröffentlicht. Das war ein langer Prozess, der mit verschiedensten Ortsgruppen abgesprochen werden musste, weil es in dieser Bewegung keine feste Hierarchie gibt, es also nicht richtig klar ist, wer was entscheidet. Im Grunde ist es aber eine große Umweltbewegung von Schülern, die sagen: „Wir streiken jetzt jeden Freitag und gehen dafür nicht zur Schule“. So zwingen sie die Regierung/ die Politik, etwas zu tun, oder machen sie zumindest darauf aufmerksam, dass etwas getan werden muss.

Wer genau organisiert die Demos in Frankfurt?

Puran: In Frankfurt ist unsere Ortsgruppe basisoffen, das heißt, jeder kann hinkommen, muss aber dazu bereit sein, Zeit zu investieren. Wir sind im Moment eine Gruppe von 15 bis 20 Personen, die sich einmal die Woche treffen. Einer von uns, der über 18 ist, meldet die Demo an. Es gibt aber eigentlich keine feste Struktur, wir wollen auch nicht, dass es einen Personenkult gibt, wie bei Greta Thunberg, wo es also immer nur um sie geht. Uns geht es mehr darum, wie viele Leute sich dafür interessieren und wie viele dafür auf die Straße gehen.

Wird das in anderen Städten anders geregelt?

Puran: Ja, es gibt Städte, in denen bestimmte Jugendorganisationen das machen, während wir uns von allen Organisationen lossagen und auch Gruppensymbole auf Demos nicht erlauben. Wir wollen einfach nicht, dass jemand mit einer Fahne von seiner Gruppe kommt. Es gibt Städte, in denen es ganz klar ist, wer dafür zuständig ist und wem diese Organisation sozusagen gehört. Das wollen wir in Frankfurt nicht.

Wie viele Schüler gehen ungefähr zu den Demos in Frankfurt?

Puran: Jede Woche kommen zwischen 200 und 400, das schwankt immer ein bisschen. Frankfurt ist eine der wenigen Städte, in denen die Demos jede Woche stattfinden, in vielen Städten finden sie nur alle zwei Wochen statt. Natürlich kann nicht jeder jedes Mal kommen. Wir hatten allerdings auch schon Wochen mit 1000 Leuten, das war an einem Tag, an dem wir nur drei Stunden hatten. Deswegen hoffen wir, dass es diese Woche wieder mehr sind. Bei der Großdemonstration waren wir 8000 Demonstranten.

Wann und wo genau finden die Demos statt?

Puran: Immer freitags um 12 Uhr treffen wir uns an der Bockenheimer Warte. Es gibt aber teilweise Ausnahmen. Zum Beispiel sind wir einmal an der Konstablerwache losgelaufen. Bei den Großdemonstrationen, also bei den europaweiten oder weltweiten Terminen wie am 15. 03. oder nächste Woche am 12.04. gibt es immer einen zweiten Demonstrationszug für die Leute, die von außerhalb von Frankfurt kommen. Die treffen sich am Hauptbahnhof und beide Züge laufen aufeinander zu.

Gibt es schon konkrete Erfolge durch die Fridays for Future?

Puran: Naja, zum einen ist dieses Thema konstant in den Nachrichten, das ist schon mal Erfolg genug. Weil das Thema so aktuell ist, gibt es einfach keine Möglichkeit mehr, es zu ignorieren.

Gibt es denn auch Nachteile daran?

Puran: Ich glaube nicht, dass dadurch, dass wir auf die Straße gehen, etwas Negatives passiert. Es gibt Leute, die etwas Negatives hinein interpretieren, indem sie sagen, wir gehen nur auf die Straße, weil wir nicht zum Unterricht wollen. Das finde ich manchmal ein bisschen lächerlich, weil es für viele von uns super viel Arbeit ist, das nachzuholen, was wir verpassen. Ich kenne eine, die freitags noch Nachmittagsunterricht hat und dadurch jede Woche fünf Stunden Unterricht verpasst. Sie arbeitet alles nach, sie schreibt nächstes Jahr Abitur. Aber ja, es gibt immer wieder Leute, die kommen, weil sie schwänzen wollen, aber das sind einzelne Personen, die an einzelnen Tagen kommen und man kann es sich nicht leisten, jede Woche zu fehlen, wenn man nur nicht in die Schule will. Deswegen ist es ein Nachteil, dass man es negativ interpretieren kann, aber ich denke nicht, dass es negative Auswirkungen auf Schüler hat, die für Politik auf die Straße gehen.

Aber findest du es nicht auch ärgerlich, dass man wegen der Demonstrationen Unterricht verpasst und unentschuldigte Fehlstunden hat?

Puran: Ich glaube, es gibt einfach mittlerweile keinen anderen Weg mehr, das Thema ist zu dringend geworden. Natürlich finde ist es blöd, dass ich die Sachen nacharbeiten muss, aber das ist es mir wert. Und ich finde es eher schade, dass trotzdem noch nicht so viel passiert ist, wie in der Zeit hätte passieren können. Ich komme klar mit den Fehlstunden, also das ist von uns aus nicht wirklich das Problem.

Und wie denkst du, sehen das die Lehrer?

Puran: Ich kenne viele Lehrer, die das absolut positiv sehen, aber wir Schüler haben kein Streikrecht. Wenn ich in einer Fabrik arbeite und die Mehrheit der Leute in der Gewerkschaft entscheidet sich, dass sie streiken wollen, dann kann die Gewerkschaft einen Streik ausrufen, keiner muss mehr zur Arbeit gehen und es hat einen Sinn. Und das was wir tun hat auch einen Sinn, aber wir haben eben kein Streikrecht. Insofern gibt es sogar Lehrer, die das gut heißen, aber es wurde gesagt, dass man nicht entschuldigt wird, weil man ja außerhalb der Schulzeit streiken könne. Das ist auch vorher schon passiert, dass Leute dann auf Demos gegangen sind. Aber außerhalb der Schulzeit hätten wir diese Aufmerksamkeit überhaupt nicht bekommen. Dadurch, dass die Demos in Frankfurt erst um 12 Uhr beginnen und nicht wie in anderen Städten um acht oder um neun Uhr, verpassen wir zwei Stunden Unterricht, streiken aber bis 15 Uhr, also zwei Stunden länger, als wir müssten, wenn wir nur Unterricht verpassen wollen würden. Deswegen glaube ich, beweist das schon, dass es nicht um das Fehlen, sondern um das Handeln geht.

Bei wie vielen Fridays for Future warst du denn schon dabei?

Puran: Ich war das erste Mal nach dem Winterkonzert dabei, also bei ungefähr zwölf.

Was tust du sonst noch um die Umwelt zu schützen oder gegen den Klimawandel?

Puran: Also ich bin Vegetarierin, ich esse aber sehr wenige Tierprodukte und das nicht außerhalb von zu Hause, weil ich dort weiß, wo sie herkommen und welche Haltungsbedingungen sie haben. Ich versuche, soweit es geht, auf Plastik zu verzichten. Ich habe zum Beispiel in meinem Badezimmer, also in meinen Kosmetika und Duschsachen, gar kein Plastik mehr, sondern Haarseife, eine andere Zahnbürste, Zahnpasta-Tabletten und so weiter. Ich kaufe nur gebrauchte und faire Kleidung, das ist ein Anspruch, den man an sich haben kann und man spart auch viel Geld. Es geht also allgemein darum, seinen Konsum zu minimieren. Und ich repariere meine Kleidung. Das wird immer so schön vergessen, mittlerweile schmeißt man alles weg, aber wenn man nur seine Socken repariert, spart man schon viel Geld und tut der Umwelt viel Gutes.

Also würdest du so etwas auch den Schülerinnen und Schülern raten, die sich mehr für die Umwelt engagieren wollen?

Puran: Ja, ich schreibe im Moment auch an einer Rede für die Demo zu genau dem Thema. Ich glaube, darum geht es vielen. Meine Klasse fährt ja auch bald auf Abschlussfahrt. Dafür habe ich das Angebot gemacht, dass wir gemeinsam einen CO2-Ausgleich zahlen und das haben von den ungefähr 50 Schülern, die mitkommen, schon 15 angenommen. Es gibt Websites, bei denen man eingibt, von wo bis wo man fliegt, in welcher Klasse, in was für einer Art von Maschine, und sie rechnet einem dann aus, wie viel Geld man ihnen geben muss, damit ihre Umweltprojekte das ungefähr ausgleichen. Das ist nicht perfekt und es gleicht nicht aus, dass man geflogen ist, statt zum Beispiel Bahn zu fahren, aber es macht das zumindest ein bisschen besser. Ich würde allen empfehlen, wenn sie schon in den Urlaub fliegen, was sich manchmal nicht vermeiden lässt, so einen CO2-Ausgleich zu zahlen.

Herr Lindner von der FDP meinte ja, der Klimawandel sei eine Sache für Profis. Wie stehst du dazu?

Puran: Es haben uns sehr, sehr viele Wissenschaftler Recht gegeben. Es gibt eine riesige Wissenschaftlerbewegung, die sich hinter uns stellt und das sind die Profis. Insofern glaube ich, dass Herr Lindner sich da ein bisschen zusammenreißen und zugeben muss, dass es jetzt wohl auch mal an der Zeit ist, vielleicht nicht mehr unbedingt der FDP Recht zu geben, sondern den Leuten, die da wirklich Ahnung von haben.

Die meisten Politiker tun ja selbst nichts für die Umwelt und lenken durch Diskussionen über das Fehlen der Schüler in der Schule und durch Lob an die Aktivisten von ihrer eigenen Untätigkeit ab. Was würdest du diesen Politikern in einem persönlichen Gespräch sagen?

Puran: Gute Frage! Wir haben oft genug gesagt, dass es Zeit zum Handeln ist. Ich finde, mittlerweile sollten wir diese Leute fragen, was sie sich denn vorstellen, was gerade sie ihren Kindern hinterlassen, denn die meisten Politiker haben Kinder oder zumindest Verwandte, die Kinder haben. Es ist auch für sie Zeit, sich zu fragen, was sie da auswirken. Immer wieder kommen Totschlag-Argumente wie: „Ja, aber dann gehen Arbeitsplätze verloren.“ Wenn wir aufhören, Kohle abzubauen und mehr erneuerbare Energien benutzen, gibt es wieder neue Arbeitsplätze. Es gibt einfach nicht mehr so viel, was man denen sagen kann. Es ist Zeit, dass ihnen bewusst wird, dass sie was tun müssen, anstatt immer weiter zu reden.

Wäre es auch das, was du dir von den Politikern weltweit wünschen würdest?

Puran: Ja, aber ich glaube, dass es verschiedene Ansprüche an verschiedene Länder geben muss. Es gibt Länder, die deutlich größere Probleme haben, zum Teil auch dadurch, dass sie sie unter den Folgen des Klimawandels sehr leiden. Von denen kann man nicht dasselbe verlangen, wie von uns. Wir haben viel Geld, uns geht es gut und wir sollten uns langsam Gedanken darüber machen, dass wir natürlich unseren Lebensstil auf dem Rücken von anderen Ländern austragen, denen es schlechter geht. Deswegen ja, ich wünsche mir das von allen Politikern und Politikerinnen, aber ich ziehe sie verschieden stark in die Verantwortung, die europäischen eben stärker, als viele andere.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview wurde am 9.04.2019 geführt.

Text: Sarah Ertel, 9f (18.5.2019) 

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