Frankfurt liest - wer hört zu?

Die Ziehenschule als Veranstalter bei „Frankfurt liest ein Buch“

SchülerInnen der Q4 lesen in der U-Bahn aus „Das 7. Kreuz“ von Anna Seghers

Blasse Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster. Frankfurt fährt zur Arbeit.

Während die Bahn Bänker, Studenten und Ausflügler wachrüttelt und das Quietschen der Gleise die letzte Müdigkeit aus den Augen treibt, wecken wir Gedanken mit Worten. 
Längst wach, gewappnet mit sieben Kreuzen und dem Klang des alten Frankfurts in der Stimme - Für alle toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands.
Es hallen die Sätze aus allen Ecken, Seiten werden umgeschlagen und Bücher bewegen die Herzen. 
Auf jedes schroffe Nein ein zustimmendes Lächeln. 
Auf jede abweisende Geste ein neugieriger Blick.

Heute lesen wir euch vor. 
Doch hört ihr zu?
Das Mädchen mit der Sonnenbrille.
Die Dame im Kopftuch.
Oder der Anzug mit Coffee to go? 
Jeden Tag begegnen wir jenen Umrissen. 
Welche Welten stehen hinter den Augen, in den Schatten, die der Tag mit sich bringt? 

Wir schaffen uns Plätze gegenüber von stillen Mienen und ernsten Stimmen. 
Die nicht hören und vielleicht nicht sehen wollen, was geschah. 
Gesichter, die sich hinter den Gedanken des Alltags verstecken, zu gefangen sind, um sich herauszuwagen. 
Wir schaffen uns Plätze in den Köpfen derer, die lauschen. 
So erwecken wir unsere Geschichte zum Leben, lebendiger wird sie mit jedem Zuhörer.
Während zuvor noch die Sorgen wie die Häuser dort draußen vorüberflogen, festigen sich mit unserer Stimme auch die Visionen der Menschen. 
Die Welt verändert sich ein bisschen.

Der, der nach ein paar Zeilen aussteigen musste, denkt noch jetzt an gerade diese Zeilen. 
Der, der nur flüchtig von seinem Handy aufsah, nimmt später endlich wieder ein Buch in die Hand.

Helle Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster der Bahn. 
Frankfurt liest noch immer.

Und vielleicht konnten wir helfen, heute ein paar Schatten verschwinden zu lassen.

Siria Ertel

Bilder: Sara Allali

Zurück